Kommunikation und Kollaboration im digital-inklusiven Grundschulunterricht
Eine videografische Studie dazu, wie Viertklässler:innen beim gemeinsamen Filmemachen mit digitalen Medien zusammenarbeiten und warum die Gestaltung der Lernumgebung dabei den Ausschlag gibt.
Zusammen lernen mit digitalen Medien
Kooperatives und kollaboratives Lernen gilt als zentral für inklusive Bildung: Es nutzt die individuellen Stärken der Lernenden und fördert zugleich soziale Kompetenzen (Johnson & Johnson 1994; Hasselhorn & Gold 2022). Digitale Medien, besonders Tablets, können solche gemeinsamen Lernprozesse unterstützen, etwa bei der Produktion von Inhalten. Wie das in einer heterogenen Grundschulklasse konkret gelingt, ist jedoch empirisch wenig untersucht.
Die Studie untersucht deshalb kollaboratives Lernen in einer eigens gestalteten, am Universal Design for Learning (CAST 2018) orientierten digital-inklusiven Lernumgebung.
Methode & Daten
Es handelt sich um eine Fallstudie mit Videoanalyse (Praetorius 2014). Untersucht wurde eine Klasse von 15 Viertklässler:innen in Schleswig-Holstein, darunter drei mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Angeleitet von eigens geschulten Lehramtsstudierenden produzierten die Kinder in Kleingruppen Green-Screen-Filme zum Thema „Weihnachten in aller Welt“.
Ausgewertet wurde im Mixed-Methods-Design: ein hochinferentes Rating aller sechs Unterrichtsvideos sowie eine vertiefende kategoriengeleitete Auswertung (MAXQDA) eines 42-minütigen Videos, in der die studentischen Interaktionen kategorisiert und gezählt wurden.
Überwiegend kooperatives Verhalten
Kommunikation klar kollaborativ
Über alle sechs Videos hinweg ist die Kommunikation überwiegend kollaborativ (M = 3,33; SD = 0,75; Skala 1–4): gegenseitiger, konstruktiver Austausch, hohe Beteiligung, respektvolle Atmosphäre.
Unterstützung überwiegt deutlich
Im analysierten Video dominieren strukturierende Impulse, Perspektivenaustausch, Aufgabenklärung und Informationsaustausch. Negative oder themenfremde Interaktionen sind die Ausnahme.
Freiraum fördert Selbststeuerung
Konflikte lösen die Kinder meist selbst. Halten sich die Begleitpersonen zurück, gestalten die Gruppen ihre Zusammenarbeit eigenständig; bei starker Steuerung durch die Lehrkraft kippt der Austausch ins Einseitige.
Welche Interaktionen die Gruppen prägen
Eigene Darstellung der Befunde: Häufigkeit studentischer Interaktionen in einem 42-minütigen Video (kategoriengeleitete Auswertung, MAXQDA). Unterstützende Interaktionen (Akzent) überwiegen, ablenkende oder negative (grau) sind selten.
Was das für die Praxis heißt
Eine sorgfältig gestaltete, UDL-orientierte Lernumgebung mit aktiver Medienarbeit kann Kooperation und Teilhabe in heterogenen Grundschulklassen stärken, auch mit Kindern mit Förderbedarf. Entscheidend sind eine offene, produktorientierte Aufgabe (gemeinsames Filmemachen) und eine zurückhaltende Begleitung, die den Gruppen Verantwortung lässt. Als Einzelfallstudie liefert die Untersuchung dafür gut begründete Hinweise und einen Ausgangspunkt für weitere Forschung.
Im Wortlaut (Open Access)
Drawing on recent insights from collaborative learning theories, this study explores collaborative learning among primary school students in digitally inclusive classrooms. Collaborative learning, which can be facilitated by digital media, is seen as important not only for supporting learning processes in general, but also for making diversity productive. With this potential in mind, a special learning environment has been developed and videotaped that addresses active media work among students and enables a heterogeneity-sensitive, integrative approach that is tailored to the different needs of the students. Under the guidance of specially trained prospective teachers, students were asked to work in groups to create a green screen film on the theme of “Christmas around the world”. The results, which are based on a mixed methods approach, show predominantly cooperative behaviour in the groups. The students are highly motivated, actively create media content, and support each other by exchanging organisational tips, informing each other, or sharing different points of view. The results are discussed, also in relation to the learning environment, and can be a starting point for further research.
Das Abstract ist im Original (Englisch) wiedergegeben; die Wiedergabe ist durch die Open-Access-Lizenz (CC BY) gedeckt. Die übrigen Texte auf dieser Seite sind eine eigene Zusammenfassung und geben nicht den Originaltext des Verlags wieder.
Zentrale Bezugnahmen des Beitrags
- Johnson, D. W., & Johnson, R. T. (1994). Learning Together and Alone: Cooperative, Competitive, and Individualistic Learning. Allyn & Bacon.
- Hasselhorn, M., & Gold, A. (2022). Pädagogische Psychologie: Erfolgreiches Lernen und Lehren (5. Aufl.). Kohlhammer.
- CAST (2018). Universal Design for Learning Guidelines (Version 2.2).
- Praetorius, A.-K. (2014). Messung von Unterrichtsqualität durch Ratings. In Empirische Pädagogik.
- Yang, X. (2023). A Review of Cooperative and Collaborative Learning. Frontiers in Psychology.
- UNESCO (2022). Global Education Monitoring Report. / United Nations (2016). General Comment No. 4 (CRPD).
Auswahl der im Beitrag verwendeten Literatur; vollständige Nachweise im Original (Open Access).