Risiken der digitalen Ausgrenzung im Grundschulunterricht
Eine Videografie-Studie fragt, wie angehende Lehrkräfte Grundschulkinder bei der aktiven Medienarbeit unterstützen und unter welchen Bedingungen digitale Formate Teilhabe ermöglichen.
Teilhabe oder Ausgrenzung im digitalen Unterricht?
Der Beitrag untersucht, wie angehende Lehrkräfte Grundschulkinder während einer aktiven Medienarbeit begleiten, konkret bei der Produktion von Greenscreen-Videos zum Thema „Weihnachten weltweit“. Im Zentrum steht die Frage, welche Art von Lernunterstützung sich beobachten lässt und inwiefern sie Teilhabe ermöglicht oder Exklusionsrisiken begünstigt, etwa im Kontext von Behinderung und Digital Divide.
Videografie mit systematischem Rating
Grundlage ist eine Videografie-Studie im Projekt „KoILDiklu“: Sechs Unterrichtsvideos aus drei vierten Klassen wurden mit einem eigens entwickelten Rating-System aus 14 Kriterien systematisch und kategoriengeleitet ausgewertet. Der Mixed-Methods-Zugang verbindet ein Rating der Unterstützungsarten und -inhalte mit einem Rating der Beteiligung. Doppelcodierungen und eine hohe Beobachterübereinstimmung sichern die Auswertung ab.
Was die Videos zeigen
Direktes Anleiten überwiegt
Am häufigsten unterstützten die Lehrkräfte durch fertige Lösungen (rund 40 %), gefolgt von Ermutigung und Hinweisen. Lernprozessbegleitende, diagnostische Unterstützung blieb mit etwa 7 % selten.
Fachliche Fragen dominieren
Über die Hälfte der Unterstützungen bezog sich auf inhaltlich-fachliche Fragen; technische und organisatorische Aspekte machten je nur rund 15 % aus. Die Annahme, digitale Medien lenkten den Fokus auf die Technik, bestätigte sich in den Daten nicht.
Hohe Beteiligung aller Kinder
Die Beteiligungswerte lagen mit einem Mittelwert von 3,42 (auf einer Skala bis 4) überdurchschnittlich hoch. Digitale, kooperative Lernformate ermöglichten die Teilhabe aller Kinder der Klasse.
Wie unterstützt wurde – und wer teilhatte
Eigene Darstellung der Kernidee (nicht Teil der Originalpublikation).
Warum das für die Ausbildung zählt
Die Studie zeigt: Über Teilhabe oder Ausgrenzung im digital gestützten inklusiven Unterricht entscheidet die Qualität der Lernunterstützung. Der geringe Anteil diagnostischer, prozessbegleitender Unterstützung markiert einen konkreten Ansatzpunkt für die Lehrkräfteprofessionalisierung, gerade um benachteiligte Lernende beim selbstregulierten Lernen nicht zu verlieren.
Im Wortlaut
Unterricht in der Grundschule muss die verschiedenen Heterogenitätsdimensionen der Schüler:innen und damit eine grosse Bandbreite an Lernvoraussetzungen berücksichtigen. Dies gilt ebenso für digital vermittelten Unterricht, da der Einsatz digitaler Medien häufig mit einer grösseren Verantwortung für den eigenen Lernprozess verbunden ist. Um Teilhabemöglichkeiten für alle Lernenden zu eröffnen und Exklusionsrisiken, z. B. für Schüler:innen mit Behinderungen oder im Rahmen des Digital Divide, zu minimieren, kommt der Lernunterstützung durch die Lehrkräfte eine wichtige Rolle zu. Dennoch beschäftigen sich nur wenige Studien mit diesem Thema. Dieser Beitrag stellt eine Videografie-Studie vor, die die Lernunterstützung durch angehende Lehrkräfte während einer aktiven Medienarbeit in der Grundschule analysiert. Die Ergebnisse indizieren, dass die Lernenden vor allem direkt angeleitet werden, da Unterstützungen, die auf den Lernprozess abzielen (diagnostische Unterstützungen), deutlich seltener gegeben werden. Die Annahme, dass digitale Lehr-Lernformate vor allem durch technische und nicht inhaltlich-fachliche Unterstützungen geprägt sind, kann dagegen nicht bestätigt werden. Diese und weitere Ergebnisse der Studie werden vor dem Hintergrund möglicher Exklusionsrisiken diskutiert und Implikationen für die Lehrkräfteprofessionalisierung abgeleitet.
Original-Abstract der Publikation. Die Lizenz CC BY 4.0 erlaubt die Wiedergabe im Wortlaut.
Zentrale Bezugnahmen des Beitrags
- Böttinger, T. & Schulz, L. (2021). Universal Design for Diclusive Learning – ein Konzept für die diklusive Unterrichtsgestaltung.
- van de Pol, J., Volman, M. & Beishuizen, J. (2010). Scaffolding in Teacher–Student Interaction: A Decade of Research.
- Pohlmann-Rother, S., Kürzinger, A. & Lipowsky, F. (2018). Individuelle Lernunterstützung im Grundschulunterricht.
Auswahl der im Beitrag verwendeten Literatur; vollständige Nachweise im Original.
Zum Nachlesen
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